Vorurteile über kurzes, graues Haar

Veröffentlicht am 7. April 2022 um 17:48

Vom Kurzhaarschnitt zum Bob

Ihr Lieben,

Anfang des Jahres habe ich mal wieder beschlossen, meine Haare wachsen zu lassen. Das mache ich hin und wieder. Dabei halte ich den Nacken kurz, damit der Rest an den Seiten aufholen kann. Das bekomme ich selbst hin. Dazu stelle ich mich mit dem Hinterkopf vor den Wandspiegel über unserem Waschbecken, halte einen Handspiegel in der linken Hand und meine Haarschneideschere in der rechten, hoffe das Beste und schneide drauflos. Im Handspiegel kann ich meinen Hinterkopf im Wandspiegel sehen, somit sehe ich so einigermaßen, was ich tue und das klappt ganz gut. Ich schneide ja auch immer nur einen Zentimeter ab. Das mache ich regelmäßig, etwa alle vier Wochen. Die Seiten werden unterdessen immer länger und irgendwann hat mein Haupthaar die Form eines kurzen Bobs. So ungefähr jedenfalls.

In der "Wachsenlassenphase" gehe ich drei bis vier Monate lang nicht zum Friseur. Die Übergangsfrisur sieht leider oft nicht so aus, wie ich mir das wünsche. Wenn die Haare über den Ohren immer länger werden, steht hier und da mal ein Büschel Haare ab und das sieht nicht unbedingt gut aus. Trotzdem halte ich durch und freue mich, wenn die Haare an den Seiten die Ohren erst zur Hälfte bedecken, dann irgendwann ganz, und nach ein paar Monaten die Bobform erreicht ist.

Das ist dann meistens der Zeitpunkt, an dem ich einen Friseurtermin ausmache. Das aber nicht, um den mühsam erreichten Bob in eine vernünftige Form schneiden zu lassen, damit mein Haar weiter vor sich hin wachsen kann, sondern weil ich es wieder leid bin, mich auf Pinterest durch tolle, stylische Kurzhaarfrisuren geklickt habe, und meine kurzen Haare zurück will.

Mein Kopf ist mit Wirbeln übersäht und wenn meine Haare wachsen, folgen sie diesen Wirbeln leider. An der rechten Seite meines Kopfes liegen die Haare immer an und an der linken Seite steht alles ab. Es ist auch nicht gerade vorteilhaft, dass mein rechtes Ohr absteht und ausgerechnet an der Seite die Haare eng am Kopf liegen. Wenn die Haare um einiges länger wären, würden sich die Wirbel nicht mehr so störend bemerkbar machen, so lange halte ich aber nur sehr selten durch.

Und vom Bob wieder zum Kurzhaarschnitt

Langer Rede, kurzer Sinn: Die Haare müssen wieder ab. Dann machen sich die Wirbel nicht bemerkbar, die Haare machen (meistens) was sie sollen und ich bin wieder zufrieden und ich selbst. Ich vergesse immer wieder, dass ich nicht gemacht bin für lange Haare. Wenn ich sie offen trage, hängen sie mir störend im Gesicht herum, und ich bin auch niemand, der gerne Zopf trägt oder die Haare auf dem Kopf zu einem Knoten dreht. Bei anderen gefällt mir das, mich stört aber alles, was außer Haaren auf meinem Kopf ist. So, wie ich keine Mützen leiden kann, mag ich auch keine Haargummis, Klammern und sonstigen Haaraccessoires. 

Lange Haare finde ich nur an anderen Frauen wunderschön

Wieso bin ich dann überhaupt immer ganz wild darauf, die Haare wachsen zu lassen? Zum einen, weil ich so viele tolle Frauen kenne, die lange, graue Haare haben. Kennen ist hier vielleicht zu viel gesagt. Wir folgen uns gegenseitig auf Instagram, kommentieren gegenseitig unsere Fotos und verfolgen, was wir so tun, wie wir unsere Freizeit verbringen, und erfahren so doch eine ganze Menge voneinander. Kennen ist also vielleicht doch nicht zu viel gesagt, wir haben uns nur noch nie im realen Leben getroffen. (Das wird sich aber ändern, und darauf freue ich mich schon sehr!) Diese Frauen gehören zu den Silberschwestern, für sie habe ich mein Buch geschrieben und der Zusammenhalt, die gegenseitige Wertschätzung und die Unterstützung untereinander ist so schön, dass ich dazu demnächst unbedingt auch einen Blogpost schreiben möchte. Schaut euch auf Instagram unter #silversisters um, wenn ihr mehr sehen möchtet.

Zurück zu den langen Haaren. Diese Frauen sehen so wunderschön aus mit ihrem langen, grauen Haar, da habe ich regelmäßig das Bedürfnis, meine auch wachsen zu lassen. Dass meine Haare ab einer gewissen Länge ihr Eigenleben entwickeln, verdränge ich erfolgreich. Das fällt mir erst dann wieder ein, wenn es soweit ist.

Warum ich den Ausdruck "Flotter Kurzhaarschnitt" nicht mag

Zum anderen habe ich das Bedürfnis nach langen Haaren, weil man ständig liest, dass kurzes Haar so ungemein "praktisch und flott" ist. 

Leider assoziiere ich, und so geht es bestimmt auch anderen, dass praktisch und flott auch altbacken und unmodern heißt. Man ist aber mit kurzen, grauen Haaren noch lange keine Omi. Ich liebe Omis, bitte versteht das nicht falsch, aber ich bin altersmäßig und optisch noch weit davon entfernt, eine 85jährige mit "flottem" Haarschnitt zu sein. Weit verbreitet ist auch die Meinung, dass eine Frau mit solchen Haaren sich gehenlässt. Wer seine Haare nicht mehr färbt und dann auch noch einen von diesen "praktischen, flotten Kurzhaarschnitten" trägt, kümmert sich nicht mehr um sein Äußeres, so denken viele. 

Dem ist aber nicht so. Ich möchte hier mal eine Lanze brechen für kurzhaarige Frauen. Besonders für kurz- und weiß- oder grauhaarige Frauen.

Ist es Frauen mit kurzem, grauem Haar egal, wie sie aussehen?

Nein, es ist uns nicht egal, wie wir aussehen. Nur, weil die Haare kurz sind und nur, weil wir sie nicht mehr färben, heißt es nicht, dass sie nicht gewaschen, gepflegt, in Form gestylt und regelmäßig geschnitten sind. Ich bin sicher dass eine Frau mit kurzen Haaren öfter beim Friseur sitzt, als eine mit langem Haar.

Mit grauen oder weißen Haaren kommt noch dazu, dass man sich ein bisschen  mit den Farben beschäftigen sollte, die man im Kleiderschrank hat, damit man nicht farblos wirkt. Wenn ihr euch da näher informieren möchtet, lege ich euch mein Buch ans Herz. Darin gibt es ein Kapitel über Kleidung und ein Kapitel über Make-up. Beides sollte man überdenken, wenn sich die Haarfarbe ändert. Besonders, wenn man vorher ziemlich dunkel gefärbt war und die Naturhaarfarbe eher hell ist. Man kümmert sich in der Übergangsphase von Farbe zu Natur also eher mehr um seine Optik, als wenn man einfach weiter färben und aussehen würde, wie immer.

Mit grauen oder weißen Haaren sollte man sich, wenn man kurzes Haar tragen möchte, einen stylischen, modernen Schnitt aussuchen, vor allem dann, wenn man sich relativ jung für seine Naturhaarfarbe entscheidet.

Tragt ihr euch mit dem Gedanken, euch einen tollen Pixie schneiden zu lassen, empfehle ich euch, mal bei Pinterest oder Instagram zu schauen. Meine Friseurin muss sich vor dem Schneiden auch immer durch ein paar Bilder scrollen, die ich auf einem Album in meinem Handy gesammelt habe. Es ist für den Friseur leichter, wenn er sieht, was euch vorschwebt. Sucht euch ein paar Bilder aus, auf denen die gewünschte Frisur von allen Seiten zu sehen ist und  zeigt sie dem Friseur.

Sind kurze Haare weniger weiblich als lange? Und kurze Haare, die obendrein noch grau sind, noch unweiblicher?

Der dritte Grund ist, dass manche Leute der Auffassung sind, dass kurzhaarige Frauen keine "richtigen" Frauen sind. Das hat vor vielen Jahren mal, im Beisein meiner (damals kurzhaarigen) Tochter und mir (ebenfalls kurzhaarig und noch gefärbt), ein guter Freund gesagt, dessen Frau in einer Zeitschrift eine Kurzhaarfrisur entdeckt und gesagt hatte, dass sie die schön findet. Unser Freund hatte wohl die Befürchtung, dass seine Frau ihre Haare abschneiden lassen könnte und hat gleich klargestellt, dass man mit kurzen Haaren nicht mehr wie eine Frau aussieht. Damals fand ich den Gedanken schon seltsam, habe aber nichts gesagt. Heute würde mir das nicht mehr passieren. Eine Frau mit kurzen Haaren ist eine Frau. Eine Frau, der nichts fehlt, was eine Frau mit langen Haaren hat, außer halt ein paar Zentimetern Haaren. Wenn ein Mann ein Problem mit kurzhaarigen Frauen hat, hat er genau das. Ein Problem. ER hat ein Problem. Niemand sonst. Schon gar nicht die Frau mit der Kurzhaarfrisur.

Diese Auffassung ist mir seitdem noch oft begegnet, sei es privat, im Beruf oder in einem Buch, Film oder im Internet. Während ich das hier schreibe, schaut mein Mann einen Film an, in dem das gerade auch wieder Thema war. Seltsamer Zufall. 

Da diese Meinung, obwohl weit verbreitet, ziemlich dämlich ist, verspreche ich mir hiermit selbst, dass ich aus diesem Grund nie wieder meine Haare wachsen lassen werde. 

Was ist mit langem, grauem oder weißem Haar?

Ich möchte aber auch noch ein Wort zu langem, grauem Haar verlieren:

Claudia, die Gründerin von silversisters.de und einige andere langhaarige Silberschwestern, haben dasselbe Problem, wie kurzhaarige Frauen, nur eben mit langen Haaren. Ich darf sie hier zitieren: "Ich bekomme oft die Rückmeldung, dass langes, graues Haar gar nicht geht. Wenn es kurz wäre und einen flotten Schnitt hätte, ginge es ja noch. Das wäre dann zwar auch alt, aber nicht so schlimm. Als würde die Menge des grauen Haares das Alter bestimmen und als gäbe es eine Vorlage für ungefärbte Frauen, in die sie zu passen haben. So, als würde man sagen, Blond geht nur in lang und Schwarz nur kurz, das ist furchtbar engstirnig. Dass ich meinen Übergang dadurch zeige, dass ich mein Haar nicht abschneide, ist für viele ein Problem. Wie kann man nur so selbstbewusst sein." Hier endet ihr Zitat.

Ich finde Frauen mit langem Silberhaar wunderschön. Diese Frauen haben etwas Mystisches und Geheimnisvolles, das ich toll finde. 

Das ist Claudia.

Ihre Webseite habe ich euch verlinkt und auf Instagram findet ihr sie unter: @silversisters.de

Vielleicht liegt es an der Ausstrahlung?

Silberhaar ist unangepasst, egal ob es kurz oder lang ist. Besonders auf Köpfen, die noch keine 80 Jahre alt sind. Und alle grauhaarigen Frauen, deren Fotos ich gesehen habe, strahlen eine Zufriedenheit und Selbstsicherheit aus, die nicht viele Frauen haben. Sie stehen zu ihrem Alter und müssen es nicht unter künstlicher Farbe verstecken.

Vielleicht kommen die Leute, die einem ständig raten, doch endlich wieder zu färben, mit einer solchen Ausstrahlung einfach nicht klar.

Es sind eure Haare, es ist euer Kopf und es ist eure Entscheidung

Die Gesellschaft sollte sich darauf verständigen, dass jede und jeder mit dem, was auf dem Kopf so wächst, machen kann, was er oder sie will. Im Endeffekt sind es doch nur Haare. Dass sich da so die Geister scheiden, die einen finden, dass langes, graues Haar doof ist, die anderen, dass kurzes, graues Haar unmöglich ist und eine dritte Gruppe, dass ungefärbtes Haar generell nicht geht, sind doch nur Meinungen. Es sind Luxusprobleme. 

Macht mit euren Haaren, was ihr wollt. Es ist euer Kopf und eure Entscheidung  und geht, außer euch, niemanden etwas an. 

Also, ihr Lieben. Lasst euer Silberhaar leuchten, ob kurz, lang, oder irgendwas dazwischen. Es ist egal, was andere sagen.

Genießt eure natürliche Haarfarbe, tragt nicht allzu viel Beige und legt euch einen knalligen Lippenstift zu. Oder zwei, oder drei ...


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Kommentare

Josie
Vor 6 Monate

Great article about grey hair dear Nicole. Yes, I think that our head frighten many who are nearly our age or older, because we are like a mirror of their worst fears, because we are confident wearing what they fear, because maybe they are jealous not being able to get rid of the dye like us, or because we look confident and beautiful with our gray, far away from the granny with heavy bun and glasses 🤓.... In one word, we are breaking the ancestral codes and we dare combine it with red lipstick, sexy clothes and neverending smiles, like yours. 😉🌹🙏🏻

Nicole Frank
Vor 6 Monate

Thank you so much for leaving a comment, Josie. 😘
I think your guess about us mirroring their fears is true. If more women would know about the confidence and freedom of grey hair, more of them would ditch the dye and join our silversisters movement. Let's glimmer, sprinkle, sparkle and shine.
Nicole 😘